Lübbrechtsen? Wo um alles in der Welt liegt dieses Lübbrechtsen und macht es Sinn, ein paar hundert Kilometer zu fahren, um ein eBike – das es bisher nur als 3D-Druck oder auf dem Papier gibt – zu bestaunen und eventuell Probe zu fahren? Klingt gerade so verrückt wie beim iPhone-Launch vor dem Apple-Store auf der Pritsche zu übernachten. Alles nur Fanboy-Gedanken?

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Es ist Anfang April und Kalle Nicolai und sein Team laden zur Hausmesse bei NICOLAI BICYCLES nach Lübbrechtsen – einem kleinen Dorf südwestlich von Hildesheim – ein. Eigentlich wollte ich schon seit längerem zu Nicolai, um mir ein Bild vom neuen EBOXX zu machen. Aber irgendwie haute es nicht hin und die Zeit vergeht wie im Fluge.

900 Meter zum Traum

Also kam die Hausmesse wie gerufen und ich machte mich auf den Weg in die kleine niedersächsische Gemeinde. Es war Samstag so um die Mittagszeit, als ich in der Ferne einige Autos in einem Feldweg parken sah. Da muss es sein. Das Navi bestätigte dies mit der Ansage, dass ich das Ziel in gut 900 Metern erreiche und es auf der linken Seite liegt. Zahlreiche geparkte Autos mit Kennzeichen aus Nah und Fern zierten die Zufahrtsstraße. Mir wurde schnell klar, dass ich nicht der einzig Verrückte bin, der die weite Strecke auf sich nahm.

Zuerst hieß es mit dem dicken Wohnmobil ein adäquates Parkplätzchen zu finden. Gar nicht so einfach, denn schwubbs war man aus dem Ort schon wieder raus. Aber um zwei Ecken war ein Plätzchen neben einer „Dorflinde“ und ein kurzer Plausch mit dem Nachbarn, ob ich dort stehen bleiben könnte, wurde von diesem bejaht. Ich solle nur nahe ran fahren, damit die großen Trecker-Gespanne noch vorbei könnten. Gesagt-getan und der Wohni parkte prominent in erster Reihe.

Ein Kommen und Gehen

Der Nicolai’sche Hof war schon gut gefüllt. Mein erster Weg ging selbstverständlich in Richtung der EBOXX-Bikes. Für alles andere ist später noch Zeit dachte ich mir. Erst mal abchecken, wie das mit einer Testfahrt organisiert ist. Überrascht war ich von der Tatsache, dass ich direkt ein Bike zum Testen angeboten bekam. Das nahm ich selbstverständlich sofort an. Zwei wenige Tage zuvor fertiggestellte Bikes in den Größen M und L standen zum Testen bereit. Über meine erste Fahrt mit dem EBOXX3 berichte ich im zweiten Teil.

Das rege Treiben auf dem Hof wurde bei einer Currywurst und Pommes vom Caterer aus Hameln beobachtet. Ständig starteten Gruppen von Bikerinnen und Bikern oder auch einzelne Bike-Tester mit den unterschiedlichsten Nicolai-Bikes auf eine Tour zu den Trails auf den Kulf. Die analogen Nicolai-Bikes waren ständig ausgebucht und heiß begehrt.

Türöffnertag

Die Hausmesse war auch gleichzeitig ein Tag der offenen Tür. Nirgends habe ich es bisher erlebt, dass man ungeniert in den Räumen einer Firma flanieren und den Mitarbeitern bei der Arbeit über die Schulter schauen konnte. Jede Frage wurde kompetent beantwortet und es ist schon sehr spannend zu sehen, wie aus einem 3,2 kg schweren Aluminium-Klotz ein recht filigranes Teil mit rund 250g aus dem Vollen gefräst wird. Auch die Ausstellung von den unterschiedlichsten Bikes war sehenswert und in der Galerie konnte ich auch zwei fertige und zur Auslieferung bereite EBOXX3 bestaunen. Bis zu diesem Wochenende wurden ganze fünf EBOXX3 gefertigt. Zwei Testbikes und drei Kundenbikes. Eines davon wurde bereits vom neuen und stolzen Besitzer auf den Fahrradträger seines Autos verladen. Ein paar weitere unfertige Rahmen hingen fein säuberlich aufgereiht mit Laufzettel in der Produktion. Der mattschwarze Rahmen war hier schon dominant. Schön auch die Tatsache, dass irgendwo in der Produktion ein Muster des magnesiumlegierten Downtube des EBOXX3 rumlag und man dies ohne wenn und aber befingern konnte. Wie ein solches Bauteil gefertigt wird, kannst Du Dir in einem kurzen Video am Ende anschauen. Beeindruckend!

Spannend wurde es dann um 16:00 Uhr. Nach einem leckeren lactosefreien Eis und ein wenig Bike-Staunen und Fachsimpeln stand die Firmenführung mit Kalle Nicolai himself auf dem Programm. Kalle zeigte mit seiner witzigen charmanten Art und Weise, wie aus allerlei Aluminum-Rohren und -Klötzen Stück für Stück ein Fahrradrahmen entsteht. Der Chef erklärte anhand von Beispielen, wie wichtig der ein und andere Arbeitsschritt ist, bis einer von ca. 1.300 Bikerahmen fertig ist, die jährlich den Hof verlassen. Im übrigen bleiben nur 1/3 der gefertigten Rahmen hier im Lande. Der Rest geht in die USA und in den fernen Osten. Auch Chinesen wollen Bikes mit Rahmen ‚Made in Lübbrechtsen‘ fahren.

Bei allen Mitarbeitern, die dort auf dem Hof umherwuselten, merkt man die Leidenschaft zu Bikes und ihrem Job bei Nicolai an. Vorgelebt von Kalle Nicolai selbst, der mit hohem technischem Verständnis weiter durchs Programm führte. Die auf 30-45 Minuten angesetzte Führung wurde durch Anekdoten aus der 22-jährigen Nicolai-Geschichte nie langweilig und kam dann doch erst nach über einer Stunde zum Ende.

Alles in allem hat sich der Ausflug zur Hausmesse gelohnt. Schon alleine zu sehen mit welcher Liebe und Präzision dort gearbeitet wird war die Reise wert. Ich kann jeden Verstehen der von seinem Nicolai-Bike schwärmt und für den nichts mehr anderes unter den Hintern kommt. Und ich weiß nun auch wo Lübbrechtsen liegt…

Im nächsten Teil berichte ich von meinen ersten ‚Erfahrungen‘ mit dem EBOXX3. Bis dahin hier das Video zur Produktion des Downtube aus der NICOLAI Tech Session #4

Und weil es so schön ist, hier noch ein Video „Wie entsteht ein Nicolai-Bike aus der Tech Session-Serie